Mir reicht es – ich brülle

Mittelmaßmama kuschelt mit Kindern CartoonEs donnert und kracht. „Idiotin!“ schreit mein Sohn mich an. Dann rast er Tür knallend in sein Zimmer. Wütend reiße ich sie wieder auf. „Überlegt Dir, was Du sagst!“, herrsche ich ihn an. „Diese Idiotin arbeitet zusammen mit Eurem Papa hart dafür, dass jeder von Euch ein eigenes Zimmer hat. Dass Ihr Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke bekommt. Dass leckeres Essen auf dem Tisch steht. Dass wir ein geordnetes Familienleben führen. Ich habe dafür nichts weiter von Dir erwartet, als dass Du und Schwesterchen Euch wascht und Eure Schlafanzüge anzieht, damit ich mich 10 Minuten auf dem Sofa ausruhen kann. Stattdessen schlagt Ihr Euch lautstark die Köpfe ein.“ Mein Sohn sieht mich verzweifelt an. Tränen rinnen über seine Wangen. Ein Anblick, der mir das Herz zerreißt. Gleichzeitig tobt in mir die Wut. „Was bleibt mir anderes übrig, als dazwischen zu gehen? Mir reicht es!“, brülle ich. „Ihr seid eine verwöhnte Brut!“

Ich schnaufe und ringe nach Fassung und Luft. Da setzt aus dem Badezimmer ein Jaulen ein. Meine Tochter hat sich vollkommen nackt zum Sitzstreik auf kalten Fliesen niedergelassen. „Immer kümmerst Du Dich nur um meinen Bruder!“, heult sie mich in höchsten Tönen an. „Um mich kümmerst Du Dich nieeeeee!“ „Du blöde Kuh!“, tobt Sohnemann aus seinem Zimmer. „Halt Dich raus. Immer muss Du mit Deinem Gegreine kommen!“ „Gar nicht wahr!“, schreit Töchterchen zurück. „Du alter Blödmann hast mich vorhin gehauen. Und keiner hat mich getrööööstet! Immer dreht sich nur alles um Dich.“ „Bla bla bal“, äfft er. „Bääääh!“, streckt sie ihm die Zunge heraus.

Ich schließe die Augen und wünsche mich fort. Es muss nicht weit sein. Nur dahin, wo es still und friedlich ist. Gleich um die Ecke gibt es ein kleines Hotel. Familienbetrieb. Zimmer mit Frühstück inklusive. Rührei und Orangensaft. Aufschnitt und Brötchen, so viel man mag. „Kinder“, ich öffne die Augen und spreche mit forcierter Ruhe, „wenn Ihr nicht SOFORT aufhört, packe ich meine Koffer und gehe, sobald der Papa kommt.“ „Dann geh doch“, erklärt mir Töchterchen voll Trotz. „Ich wünsche mir eh eine andere Mama!“

Eine Stunde später haben wir ein fades Abendbrot hinter uns gebracht. Ich schicke den Nachwuchs zum Zähneputzen. Unter gespenstischem Schweigen lassen sie ihre Zahnbürsten rattern. Als die Kinder fertig sind, befehle ich uns alle ins Elternbett. „Was war denn nur los?“, frage ich, „Soll denn der Abend so zu Ende gehen?“ „Du hast Dich gar nicht um mich gekümmert!“, weint Töchterchen. „Und Du hast mich angemault, bevor ich das konnte“, seufze ich. „Mama, mir tut das mit der Idiotin leid“, sagt mein Sohn. „Naja, vielleicht hätte ich mich nicht einmischen sollen“, antworte ich.

Wir denken nach. Die Kinder kriechen in meine Arme. Ihre Köpfe kuscheln sie an meinen Hals. Gemeinsam lauschen wir in die Stille hinein. „Ich hab Euch lieb!“, flüstere ich. „Wir Dich auch, Mama!“, antworten sie. Es klingt wie ein Seufzen. Eine Minute später schlafen sie ein. Ich bleibe bei ihnen, bis mein Mann nach Hause kommt. Höre, wie sie entspannt atmen. Und beginne zu verstehen, dass, auch wenn es schmerzhaft ist, Szenen wie diese wohl zu den Notwendigkeiten des Familienlebens gehören. So wie das gemeinsame Schmücken eines Tannenbaums. Oder wie unsere Ausflüge in den Zoo. Weil das Sich-Streiten-Dürfen und das Sich-Vergeben-Können die Bestätigung der Geborgenheit im Schoß der Familie sind.

Wie einsam wäre es ohne all das in einem Hotelzimmer um die Ecke gewesen!

Mittelmaßmama mit Kindern im Bett Cartoon

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *